Interview mit Prof. Dr. Harald Lesch

"Eine gottfreie, jedoch keine gottlose Sache"

LZ: Herr Professor Lesch, in Ihren Sendungen versuchen Sie, Wissenschaft verständlich zu erklären. Warum tun Sie das eigentlich?
Prof. Dr. Harald Lesch: Es macht mir einfach einen Heidenspaß. Meine Eltern haben nicht studiert und dachten, das mit der Astronomie gibt sich noch. Sie hatten eine Gastwirtschaft und dort wurde ich immer gefragt: ‚Was machst du da eigentlich?‘ Also habe ich angefangen, auf Bierdeckeln zu erklären.

LZ: Denken Sie, es ist wichtig, Naturwissenschaften auch dem Laien näherzubringen?
Prof. Dr. Harald Lesch: Die Wissenschaften werden von der Gesellschaft finanziert. In unseren öffentlichen Vorträgen bringen wir Wissenschaftler sozusagen Nachrichten von der Front. Leider zieht sich die Öffentlichkeit gerne von relevanten Themen – etwa dem Klimawandel – zurück. Da wird oft ganz empfindlich reagiert. Ich denke aber, wenn man der Methode vertraut, muss man auch den Ergebnissen vertrauen.

LZ: Der Titel Ihres Vortrags lautet: „Geht es in der Welt mit rechten Dingen zu?“ Was bedeutet das – „mit rechten Dingen“?
Prof. Dr. Harald Lesch: Die rechten Dinge sind die innerweltlichen Dinge, also das, was sich messen lässt. Naturwissenschaft ist eine gottfreie – keine gottlose! – Angelegenheit. Sie ist in diesem Zusammenhang auch sinnfrei, also rein quantitativ. Man stellt die Frage nach den Ursachen. Und: In der Naturwissenschaft will man möglichst wenig Annahmen. Je weniger Annahmen, umso leichter lässt sich eine Hypothese belegen. Aber Hypothesen müssen auch scheitern dürfen.

LZ: Der Untertitel Ihres Vortrags heißt: „Ein Beitrag zum Darwin-Jahr.“ Was hat man als Physiker und Astronom mit Darwins Lehre von der Entstehung der Arten zu tun?
Prof. Dr. Harald Lesch: Wir reden zum Beispiel davon, dass Sterne geboren werden oder sterben. Diese Bilder kommen aus der Biologie. Zu der Zeit, als Charles Darwin mit der „Beagle“ vor den Galapagos-Inseln ankerte, entwickelten sich auch gerade die Geowissenschaften. In der Astronomie gehen wir von einem expandierenden Universum aus, einer kosmischen Evolution also. Aber wir tun ja ein bisschen so, als wäre die Natur bloß Kulisse. Doch der Mensch ist Teil der Natur. Stellt sich bloß die Frage, was er mit seiner Umwelt macht.

LZ: In der Ankündigung Ihres Vortrags sagen Sie, man könne eine Brücke von naturwissenschaftlichen zu ethischen Standpunkten schlagen. Aber welchen Grund hätte man, gut sein, wenn – wie Darwin sagt – immer nur der Angepassteste überlebt?
Prof. Dr. Harald Lesch: Dazu kann die Spieltheorie etwas beitragen: Kooperation ist oft wichtiger als Stärke. Gesehen hat man das in der Finanzkrise: Eine kleine Gruppe hat für ihre individuellen Vorteile alle anderen an den Abgrund geführt. Wir werden dieses Ungleichgewicht, das in der Wirtschaft herrscht, nicht halten können. Der Lebensstil unserer westlichen Welt ist nicht exportfähig.

LZ: Gibt es denn Alternativen?
Prof. Dr. Harald Lesch: Neue Modelle zeigen sich bei der Energiefrage: Das Desertec-Projekt, bei dem Strom in der Sahara erzeugt werden soll, muss auf Augenhöhe mit den dortigen Ländern entwickelt werden. Das geht nicht, wenn wir als neue Kolonialherren kommen.

LZ: Christliche Gruppen besonders in den USA vertreten den Standpunkt, die Welt sei zu komplex, um durch Zufall entstanden zu sein. Sie sehen darin einen Beweis für die Existenz Gottes und lehnen die Darwinsche Evolutionstheorie ab. Was halten Sie davon?
Prof. Dr. Harald Lesch: Die Naturwissenschaften, die Theologie und Philosophie haben sich systematisch auseinander entwickelt. Wie man durch naturwissenschaftliches Tun etwas über Gott sagen kann, ist mir schleierhaft. Die Gottesfrage ist transzendent: Diesen Graben können wir nicht überspringen. Vom „intelligent design“ halte ich also nichts.

LZ: Mit dem Begriff Schöpfung können Sie als Physiker aber trotzdem noch etwas anfangen?
Prof. Dr. Harald Lesch: Ich bin Lutheraner vom Scheitel bis zur Sohle: Als Physiker gehe ich vom Urknall aus, als Mensch glaube ich an die Schöpfung.

LZ: Zurzeit hört man viel über die String-Theorie: Sie geht von einer unüberschaubaren Menge von Paralleluniversen aus. Die Menge soll die Existenz gerade unseres Universums durch den Zufall erklären.
Prof. Dr. Harald Lesch: Die String-Theorie selbst ist noch innerhalb dessen, was ich die „rechten Dinge“ nenne, also dem experimentell Belegbaren. Was aber die Paralleluniversen betrifft: Das ist für mich keine Naturwissenschaft mehr. Denn damit kann ich keine Experimente machen, dazu kann ich nichts sagen.

LZ: Was soll Ihr Vortrag an der Hochschule Landshut den Zuhörern vermitteln?
Prof. Dr. Harald Lesch: Ich halte mich an Immanuel Kant und sage: „Sapere aude – Habe Mut, deinen Verstand zu benutzen“. Ich betreibe methodischen Naturalismus, der ist für jeden offen. Jeder kann mitmachen. Das Dogma ist, dass wir kein Dogma haben.

Dieses Interview wurde in der Wochenendausgabe der Landshuter Zeitung am 14.11.2009 veröffentlicht.

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